Covid-19 und digitale Gewalt

laptom and phone showing zoom

Die Covid-19 Pandemie greift seit einigen Monaten ziemlich tief in das Leben vieler Menschen ein, hier und auf der ganzen Welt. Die Kurve mag zwar nicht überall gleich verlaufen, doch Social Distancing, Lockdown-Maßnahmen und Reisebeschränkungen wurden zum globalen Phänomen. Im April 2020 war die Hälfte der Weltbevölkerung von Lockdown Maßnahmen betroffen. Neben Arbeit, Schule und Uni, Konferenzen und Workshops, finden deshalb oft auch Politik, Aktivismus und soziales Leben online statt.

Dabei wurde früh erkannt, dass es klare Zusammenhänge zwischen häuslicher Gewalt und der Covid-19 Pandemie gibt. Denn prekäre und gewalttätige Beziehungen oder Familienverhältnisse verschärfen sich, wenn plötzlich alle zu Hause bleiben müssen, manchmal auf engem Raum. Wirtschaftliche Unsicherheiten, Existenzängste, und die psychischen Auswirkungen einer Ausnahmesituation leisten ihren Beitrag zur Gewalteskalation. Zunächst warnten Frauenrechtsorganisationen und bald belegten verschiedene Berichte und Studien die Auswirkungen der Pandemie auf häusliche Gewalt.

Seit Beginn der Pandemie haben auch rassistische Beleidigungen und Übergriffe gegen asiatisch gelesene Menschen zugenommen. Viele berichten davon, in Ländern mit weißer Mehrheitsbevölkerung quasi mit dem Virus gleichgesetzt und beschimpft oder gemieden zu werden. Davon zeugen zum Beispiel unzählige Erlebnisberichte, die über das Projekt www.ichbinkeinvirus.org und dem entsprechenden Twitter Hashtag #ichbinkeinVirus geteilt werden.

Was auffällt ist, dass im Zusammenhang mit den intersektionalen Auswirkungen der Covid-19 Pandemie wenig über digitale Gewalt gesprochen wird. Dabei ist das gerade ein akutes Thema, denn wenn die (relativ privilegierte) Welt zu Hause bleibt, sind mehr Menschen öfter und länger im Internet unterwegs und den altbekannten wie auch neuen Formen der digitalen Gewalt und Belästigung ausgesetzt. Schließlich ist Covid-19 die erste Pandemie des Social Media Zeitalters.

Zoombombing

Die Breitband Nutzung in Europa hat während des Lockdowns etwa um 30-50% zugenommen, mit Spitzen bis zu 70%. Online interagieren Menschen auch zum Teil über Plattformen, mit denen sie zuvor wenig Berührung hatten. Im Dezember 2019 nahmen im Schnitt zum Beispiel 10 Millionen Menschen pro Tag an Zoom Meetings teil, im April 2020 waren es schon 300 Millionen.

Zoombombing” hat sich bereits als Begriff für das abrupte Unterbrechen von Videocalls durch rassistische und pornographische Inhalte per Bildschirmfreigabe breit gemacht. Umfassende Daten liegen zurzeit keine vor, die sind auch schwer zu beschaffen. Doch zeigt sich, dass besonders Frauen, Menschen of Colour, sowie feministische und anti-rassistische Online-Treffen von dieser Form der digitalen Gewalt betroffen sind. Anti-rassistische und feministische Online-Workshops und -Meetings werden für solche Angriffe zum Teil gezielt ausgewählt. Je öffentlicher das Meeting, desto größer die Gefahr, dass ungebetene Gäste auftauchen.

Was soll durch Zoombombing erreicht werden? Unterbrechung, Einschüchterung und Machtgehabe – einfach, weil man kann. Die Tatverursachenden sind mehrheitlich junge weiße Männer, die kein Problem damit zu haben scheinen, während dieser Übergriffe auch ihre eigenen Gesichter zu zeigen. Sexistische, anti-semitische und rassistische Hasstiraden und Bildmaterial sollen primär schockieren, und die entsetzten Gesichter der Teilnehmenden liefern Unterhaltungswert.

Persönlich habe ich bisher zwei Vorfälle von Zoombombing miterlebt, beide zutiefst frauenfeindlich und in der jeweils einzigen öffentlich zugänglichen Session von feministischen online Veranstaltungen. Solche Übergriffe können zwar leicht per Passwortschutz des Meetings unterbunden werden, doch damit schotten wir feministische online Räume auch gegen neue Teilnehmende und Interessierte ab.

Außer geschlossenen Meetings bleibt nur schnelles Rauswerfen und anschließend Self- und Collective-Care, um das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten. Denn missbräuchliche Konten können inzwischen zwar an Zoom gemeldet werden, doch führt das höchstens zur Sperrung einzelner Wegwerf-Accounts und trägt kaum zur Verhinderung digitaler Gewalt bei.

In einer Covid-19 geprägten Welt, in der auch feministischer Austausch, Bildungsarbeit und Aktivismus vermehrt online stattfinden müssen, erscheint die gängige Empfehlung, einfach auf alternative Plattformen auszuweichen, zugleich sinnvoll und zynisch. Denn Zoom ist zwar problematisch, doch ebenso problematisch ist es, Betroffenen zu empfehlen, sich lieber fernzuhalten.

Digitaler Sexismus und sexualisierte digitale Gewalt

Auch außerhalb von Zoom finden sich leicht Beispiele, wie digitale Gewalt sich durch die Pandemie filtert. Die erste offizielle Covid-19 Überlebende in Kenia sah sich als “Patientin null” nach einem TV Interview zum Beispiel mit einer massiven Welle von online Belästigung konfrontiert. Sie erntete nicht nur Hass auf Twitter, auch ihr privater Chatverlauf und Nacktfotos wurden gegen ihren Willen veröffentlicht. Zugleich wurde ihr von Verschwörungsanhänger*innen vorgeworfen, sie sei gar nicht krank gewesen, sondern von der Regierung bezahlt worden dies zu behaupten.

Australische Medien berichten während der Lockdown Maßnahmen zwischen März und Mai von einer 200% Zunahme gemeldeter Sextortion Fälle, also (versuchter) Erpressung mit tatsächlich oder angeblich vorhandenem sexuell explizitem Material. Europol stellt außerdem fest, dass auch die Nachfrage nach kinderpornographischem Material während der Pandemie steigt.

In Deutschland machten Eltern im Mai unter dem Hashtag #Coronaelternrechnenab auf die Mehrfachbelastung durch Beruf, Kinderbetreuung und Schularbeit aufmerksam. Die Aktion kam in Schwung durch eine satirische Rechnung, in der eine alleinerziehende Mutter gerne für die außerordentlich geleistete Arbeit zur Betreuung und Beschulung ihres Kindes, während Kitas und Schulen geschlossen waren, bezahlt werden wollte.

Die Initiantin erntete damit nicht etwa Anerkennung für ihre Kreativität – schließlich machte sie auf prägnante Weise auf ein Problem aufmerksam, das viele beschäftigte – sondern Hass und Spott. Der Hashtag wurde in der Folge zwar von vielen Eltern genutzt, um ihren Frust über die für selbstverständlich hingenommene Mehrfachbelastung zu teilen. Es ist aber kaum Zufall, dass vor allem Mütter per Shitstorm Hass ernteten.

Da kam der Vorwurf, dass die Zeit für das Erstellen dieser Abrechnung wohl besser den Kindern gewidmet worden wäre. Da wurden Frauen als Abschaum bezeichnet, weil sie es sich herausnehmen Care Arbeit in Geld aufzuwiegen. Und neben der ganz allgemeinen Unterstellung der Kindesmisshandlung, wurde suggeriert, dass Frauen, die nicht für ihre Kinder sorgen können oder wollen, wohl besser keine bekommen sollten. Der Grundtenor spricht Bände über das gesellschaftliche Bild der Frauen- und Mutterrolle. Auch darüber, wie normalisiert Sexismus und Misogynie immer noch sind.

Wie diese Beispiele zeigen, sind die Methoden Pandemie-bedingter digitaler Gewalt meist weder neu noch spezifisch. Online Beleidigung, Belästigung, Bedrohung, das Teilen von sexualisierten und rassistischen Inhalten, oder das Veröffentlichen von intimen Bildern und persönlichen Daten ohne Consent sind bekannte Taktiken digitaler Gewalt.

Und doch ist es wichtig, digitale Gewalt auch durch die Pandemie zu lesen, und umgekehrt. Schließlich hat Covid-19 der Digitalisierung in vielen Bereichen einen weiteren Schub verliehen. Schließlich sind online und offline Gewalt oft eng verknüpft. Und schließlich sind Frauen und mehrfachbenachteiligte Gruppen zugleich überproportional von den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Lockdown-Maßnahmen und von digitaler Gewalt betroffen.