Glücklicher Unfall

„Glitch Feminism“ heißt das Manifest von Legacy Russell, das Feminismus, Gender, Körper und digitale Technologien zusammendenkt. Zutiefst persönlich leistet das Buch einen zeitgemäßen Beitrag zum Cyberfeminismus. 

Menschen, die gemütlich auf einer Dachterrasse sitzen

In unserer kapitalistischen Gesellschaft sind Fehler und Störungen unwillkommen, denn durch sie wird reibungsloses Funktionieren verhindert. Legacy Russell hingegen ruft dazu auf, sich den Fehler anzueignen. Die amerikanische Kuratorin, Schriftstellerin und Künstlerin sieht im Glitch (engl. Störung, Fehler) feministisches Potenzial, eine Möglichkeit, das bestehende heteronormative System zu überkommen, die Zukunft neu zu gestalten und den Körper aus seiner Begrenzung zu befreien. „Der Glitch ist der Katalysator, nicht der Fehler. Die Störung ist der glückliche Unfall“, proklamiert sie in ihrem ersten Buch, das im vergangenen Jahr unter dem Titel „Glitch Feminism. A Manifesto“ erschienen ist. Der Glitch kann als Tool verstanden werden, um die Welt radikal neu zu denken, eine Gesellschaft zu überkommen, die auf Unterdrückung und Ausgrenzung basiert und die Gender, Race und Sexualität durch Binaritäten und Beschränkungen definiert. Durch digitale Räume und Soziale Medien sollen binäre Geschlechtsverhältnisse zerstört werden, neue Communities entstehen und andere Formen der Repräsentation geschaffen werden.

Russell wächst in den 1990er-Jahren in New York City auf. Sie ist Teil einer Generation, deren Jugend durch das Aufkommen des Internets geprägt wird. Von der physischen Welt fühlt sie sich als Schwarze, weiblich identifizierte, queere Person oft entfremdet und limitiert: „Es gab keine Pausetaste, keine Gnadenfrist; die Welt um mich herum ließ mich diese Identifikationen nie vergessen. Doch online konnte ich sein, was immer ich wollte“, erinnert sie sich in ihrem Buch. Russell erlebt das Internet als Raum zum Experimentieren, Entfalten, Entwerfen und Transformieren des eigenen multiplen, fluiden, vielfältigen Selbst. Das Internet als Spielwiese, als Ort, an dem Entwicklung möglich ist.

Spätestens mit den frühen 2010er-Jahren, als das mobile Internet allgegenwärtig wurde, verschwindet für Russell die klare Grenze zwischen on- und offline völlig. Ständig verbunden beeinflussen Erfahrungen, die online gemacht werden, unser Leben in der physischen Welt – genau wie andersherum. Dieser Gedanke bringt eine Fundamentalkritik am digitalen Dualismus zum Ausdruck, also der Annahme, dass die physische Welt als die „reale Welt“ separiert von der virtuellen Welt, der bloßen „Scheinwelt“, besteht.

Russell bestreitet die negativen Auswirkungen der Digitalisierung nicht: korrumpiert von kommerziellen Interessen, kontrolliert durch einseitige Algorithmen, absolut unzulänglich bei der Wahrung der Privatsphäre. Darin sieht sie allerdings keinen Unterschied zur physischen Welt, denn das Internet ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, basierend auf binären Codes: „Jeden Tag, wenn wir in den USA unsere Bildschirme schließen und durch die Welt gehen, sind die Dinge dort gleichermaßen codiert, gibt es brutale Gewalt und die große Gefahr von Verletzung. Es besteht eine große Dringlichkeit, über dieses gefährdete Leben von Schwarzen und Queers, von weiblich identifizierten Menschen und von trans Menschen nachzudenken, und es ist wichtig zu wissen, dass es immer noch viele, viele Menschen gibt, die sich nicht sicher fühlen, wenn sie sich physisch in der Welt bewegen“, argumentiert sie im September 2020 im Interview mit Artnet.

Mit „Glitch Feminism“ bricht Russell mit der weißen Geschichte des Cyberfeminismus. Sie versammelt marginalisierte Künstler*innen, die das Verhältnis von Körper und Maschine kritisch erkunden. Mark Aguhar, E. Jane, boychild, Victoria Sin, American Artist, Shawné Michaelain Holloway, Sondra Perry, deren Körper zu Glitched Bodies gemacht werden, weil sie nicht durch einen binären Code erfassbar sind, immer in Bewegung, widerspenstig und somit als Bedrohung der sozialen Ordnung wahrgenommen werden. Ihr Buch ist auch eine Anerkennung von jenen Personen, die im akademischen Betrieb und der Kunst immer noch nicht ausreichend gehört werden.

 

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