Langsam wachsende Sensibilität

Der gerade vorgelegte fünfte Männergesundheitsbericht bietet aktuelle Daten zur körperlichen und psychosozialen Situation junger Männer.

Zwei ältere Männer, die sich dehnen



Die rigiden Rollenerwartungen an das angeblich „starke Geschlecht“ stellen ein erhebliches Risiko für das Wohlbefinden dar. Umso erstaunlicher, dass die gesundheitlichen Probleme von Männern erst seit relativ kurzer Zeit Gegenstand empirischer Forschung sind. Forciert durch die feministische Bewegung hatten sich Ansätze einer weiblichen Sicht auf die Medizin bereits vor der Jahrtausendwende etabliert, mit erheblicher Verzögerung folgte ein männliches Pendant. Im letzten Jahrzehnt aber hat sich auch hier eine gewisse Kontinuität eingestellt. Im Gießener Psychosozial-Verlag ist nun der bereits fünfte “Deutsche Männergesundheitsbericht” erschienen. Herausgegeben hat das Buch erneut die regierungsunabhängige, durch Spenden finanzierte Stiftung Männergesundheit.

Den Schwerpunkt bildet diesmal die Lage junger Männer, im Kontrast zur Studie von  2020, die sich auf ältere Männer in der Übergangsphase zur Rente konzentrierte. Grundlage ist eine umfangreiche Datenerhebung durch das Münchner Forschungsinstitut Kantar Public. Das wissenschaftliche Team befragte auf repräsentativer Basis über 2000 junge Männer zwischen 16 und 28 Jahren; vergleichend wurden auch über 1000 Frauen in diesem Alter interviewt. Als zentrale Erkenntnis hält die Untersuchung fest, dass “Gesundheitsbewusstsein, Gesundheitsverhalten und Gesundheitsstatus der jungen Männer mit ihrer jeweiligen Vorstellung von der männlichen Geschlechtsrolle verbunden ist”.

Im ersten Teil des Bandes wird dieser Befund mit zahlreichen Details unterfüttert. So fühlen sich Männer in ihrer Eigenwahrnehmung gesünder als Frauen, obwohl diese Einschätzung mit der statistisch erfassten Häufigkeit von Krankheitsbildern nicht übereinstimmt. Das herkömmliche Verständnis von Männlichkeit führe zur Vernachlässigung der “Selbstfürsorge”, an diesem Punkt seien Männer “nicht sonderlich sensibel”, resümiert Sabine Wolfert, Projektleiterin bei Kantar Public. Als Beispiele aus dem Datenpool nennt sie die ausgeprägtere männliche Spielsucht, die geringere Achtsamkeit nach Sport oder Partys für körperliche Erholungsphasen sowie den erheblich höheren Konsum von Alkohol und Cannabis. Beim Rauchen liegen die Geschlechter dagegen inzwischen nahezu gleichauf. 70 Prozent der Befragten qualmen gar nicht (mehr), ein im Vergleich zu früheren Erhebungen deutlich gestiegener Wert. Frauen haben in der jüngeren Generation “bei negativen, sie schädigenden Verhaltensweisen aufgeholt”, konstatiert Kurt Miller, emeritierter Direktor der Urologischen Klinik an der Berliner Charité und medizinischer Vorstand der Stiftung Männergesundheit.

Wie in den einst von Rainer Volz und Paul Zulehner verfassten Männerstudien im Auftrag der großen christlichen Kirchen bedient sich der aktuelle Bericht einer Typologie. Vier Varianten von Männlichkeit sollen die Vielfalt der Rollenbilder beschreiben. Die Studie unterscheidet maskulin dominante Männer (24 Prozent der Befragten), auf Gleichberechtigung Fokussierte (30 Prozent), partnerschaftlich Orientierte (28 Prozent) sowie rollenambivalente Männer (19 Prozent). Mit höherer Qualifikation und steigendem Alter wächst die Sympathie für gleichberechtigte Lebensentwürfe im Geschlechterverhältnis, doch auch junge Männer folgen teils  noch alten Rollenmustern. Ein erheblichen Einfluss darauf, ob Anzeichen für mögliche Erkrankungen überhaupt wahrgenommen würden, hat das Bildungsniveau.

Die ganze Nacht zocken

Einstellungsuntersuchungen beruhen auf Selbsteinschätzungen der befragten Personen. Das mindert ein wenig die Aussagekraft, weil das tatsächliche Verhalten manchmal davon abweicht. Hilfreich für die Einordnung der ermittelten Daten ist das Konzept des Buches, im zweiten Teil Fachleute aus der Genderforschung in eigenständigen Beiträgen zu Wort kommen zu lassen. Jürgen Budde schreibt dort über “Körperkonstruktionen und soziale Grenzverletzungen”, Hendrik Jürgens über Gesundheit und bildungsbezogene Ungleichheit. Gunter Neubauer analysiert Unterschiede im Freizeitverhalten, Reinhard Winter die Mediennutzung.

Vor allem in den zuletzt genannten Bereichen konstatiert der Bericht deutliche Geschlechterdifferenzen. So ist das Online-Gaming unter den befragten Männern eine zeitintensive Beschäftigung. Der Aussage “Ab und zu zocke ich die ganze Nacht am Bildschirm und bin am nächsten Tag völlig gerädert” stimmen sie deutlich häufiger zu als Frauen. Noch größer ist das Gender-Gefälle bei der Nutzung pornografischer Angebote im Internet: Während das Porno-Gucken für männliche Jugendliche zu einem selbstverständlichen Teil ihrer Sexualität geworden ist, liegt das Interesse weiblicher Zuschauerinnen signifikant niedriger.

Lebenserwartung und soziale Lage

Hoffnung macht eine Aussage von Mitherausgeber Kurt Miller: Junge Männer seien beim Thema Gesundheit “nicht so schlecht wie wir zuvor gedacht haben”. Ein Teil der Daten lasse ein langsam wachsendes Bewusstsein für die in traditionellen Settings verpönte Selbstsorge erkennen, das sei ermutigend. Auch der Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Lebenserwartung sinke weiter, im Durchschnitt liegt dieser mittlerweile bei 4,8 Jahre. In der stärker von industrieller Erwerbsarbeit und althergebrachten Männerrollen geprägten Periode nach dem Zweiten Weltkrieg betrug der sogenannte “Gender Life Expectancy Gap” in Deutschland noch acht Jahre; in Teilen Osteuropas beträgt die Kluft bis heute fast 15 Jahre.

Die Forschung erklärt den verringerten Abstand mit der Annäherung weiblicher an männliche Rollen. Die wegweisende Klosterstudie des Wiener Demografen Marc Luy, der 2002 die Lebensverläufe von Nonnen und Mönchen verglichen hat, ergab einen rein körperlich bedingten Unterschied beim Sterbealter von nur einem Jahr. Alles andere ist also sozial konstruiert, der frühere Tod von Männern kein Naturgesetz, sondern auf krank machende gesellschaftliche Bedingungen und althergebrachte Geschlechternormen zurückzuführen. Prognosen für das Jahr 2060, die wegen der langen Vorausschau mit Vorsicht zu betrachten sind, sagen einen weiteren Rückgang des Gender Gaps auf lediglich 3,4 Jahre voraus.

Ein gravierender, oft unterschätzter Faktor ist das durch Lohnniveau und psychosoziale Lage bedingte Gefälle unter den Männern selbst. Zwischen der  Lebenserwartung der reichsten und der ärmsten Einkommensgruppe liegen über zehn Jahre. Die Stiftung Männergesundheit fordert daher eine klare Fokussierung. Bei Vorsorge und Prophylaxe müsse man sich vor allem um diejenigen kümmern, die „man am schwierigsten erreicht“, betont Kurt Miller.  

Ein geschlechtsspezifischer Blick auf die Medizin ist immer noch nicht selbstverständlich. Zwar forderte schon die von der Europäischen Union ausgehende Strategie des Gender Mainstreaming, in sämtlichen Feldern, also auch in der Gesundheitspolitik, auf die Auswirkungen für Frauen wie Männer zu achten. Zumindest die weibliche Perspektive erfährt inzwischen manchmal erhöhte Aufmerksamkeit, wie sich etwa im Umgang mit der Corona-Pandemie zeigte. Im Deutschen Bundestag kam in den letzten Monaten mehrfach zur Sprache, dass Frauen überdurchschnittlich an Long-Covid erkranken oder unter dem damit verwandten chronischen Fatigue Syndrom CFS leiden. Über besonders Männer betreffende Gesundheitsprobleme hingegen, bekannte selbstkritisch der sozialdemokratische Abgeordnete und Arzt Herbert Wollmann bei der öffentlichen Präsentation des aktuellen Berichts, habe man im Parlament oder im zuständigen Fachausschuss noch nie gesprochen.

Das Buch

Stiftung Männergesundheit (Hg.): Junge Männer und ihre Gesundheit.

Fünfter Deutscher Männergesundheitsbericht. Psychosozial-Verlag, Gießen 2022. 248 Seiten, 42,90 Euro.